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Meine steile Karriere


von: stern-Reporter Günter Dahl (1923-2004)
in: Jubiläumsausgabe 40 Jahre stern (22. August 1988)

Seit der Geburtsstunde des stern 1948 bis 1990 war Dahl für das Magazin tätig. Er leitete u.a. das Medizin-Ressort, in späteren Jahren war er als Autor und Reporter unterwegs. Seinen Anstellungsvertrag als stern-Volontär verdankte Dahl dem glücklichen Umstand, dass er als junger Mann eine Schreibmaschine besaß, die er dem Verlag zu Verfügung stellen konnte. Hier berichtet der "Mann der ersten Stunde" von seiner Karriere:

"Oft habe ich das Glück, im Flugzeug oder im Intercity zwischen jungen Erfolgsmenschen Platz zu nehmen, denen die Aufstiegschancen ins Antlitz programmiert sind. Beneidenswert! Ich sehe die Sprossen ihrer Karriereleiter vor mir: Abitur mit eins, Studium, Diplom, Trainee, Auslandsposten, Assistent des Vorstands, Sprung ins Management. Ich stelle mir vor, ich müsste vor diesen jungen Herren ein Referat "Karriereplanung im Jahre 1947" halten. Die würden sich totlachen, und dann würden sie sagen: "Guter Mann, das war aber eine schöne Märchenstunde."

Ich versuch's trotzdem.
Den Floh, Journalist zu werden, hatte mir mein Klassenlehrer ins Ohr gesetzt. Er war Feuilleton-Redakteur, Kunstkritiker und Theaterdramaturg, ehe er in den Schuldienst ging und, wie er es ausdrückte, den schönsten aller Berufe aufgab. Das war 1936. Der Schüler Günter Dahl war 13.

Abitur 1942, danach Studium der Zeitungswissenschaft bis zum dritten Semester, dann wurde ich 1944 bei einem Luftangriff auf Berlin schwer verletzt. Wohnung meiner Eltern und Werkstatt meines Vaters, er war Schneidermeister, waren ein qualmender Trümmerhaufen.

Aus der Traum vom Journalismus.
Wir fanden eine Bleibe im Sudetenland. Ich geriet zweimal in Gefangenschaft, und ich wog bei der Entlassung 34 Kilo. Als ich mich nach langer Krankheit berappelt hatte, beschaffte ich mir Anfang 1947 die Adressen der damals existierenden Zeitungen und Zeitschriften, kaufte 110 Postkarten und ließ meine Bewerbung um eine Volontärsstelle von einem Buchhalter auf der Abziehmaschine seiner Firma vervielfältigen. Er wollte dafür eine Leberwurst. Mein Vater bekam die Wurst von einem Bauern, dem er dafür eine Mütze genäht hatte. Wir wohnten inzwischen in einem Dorf bei Hannover.

Meinem Vater war nun klar: Der Junge will wirklich Journalist werden, und ein großer Augenblick ereignete sich. Mein Vater öffnete ein Paket, dass er während der Flucht nicht aus den Augen gelassen und hier vor den Bauern versteckt hatte, und zog drei Meter Stoff, beste englische Ware, hervor, ausreichend für einen Anzug oder ein Kostüm. "Wärst du eine Tochter, dann wäre dies deine Aussteuer, deine Mitgift", sagte er, "mehr habe ich nicht, wie du weißt. Nimm das und sieh zu, wie du dafür eine Schreibmaschine kriegst."