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Meine stern-Stunde

Henri Nannen
Henri Nannen erzählt, wie es damals war, als er aus der Jugendzeitschrift "Zick-Zack", für die er eine Lizenz der britischen Militärregierung hatte, den stern machte, für den er keine Lizenz hatte. Zudem berichtet er, wie er das Blatt durch Schwarzmarktgeschäfte vor der drohenden Pleite bewahrte.
 
Aus: Jubiläumsausgabe 40 Jahre stern (22. August 1988)

"Lassen Sie mich erzählen, wie es wirklich war: Ich saß auf dem Klo, und weil es damals noch nicht den Luxus von Samu-Samtweich, Kleenex und Haakle-Feucht gab, sondern nur zu Kalenderblattgröße zusammengeschnittenes Zeitungspapier, las ich das Fragment einer Kritik, die ein gewisser Gerd Schulte im Neuen Kurier geschrieben hatte, der einzigen von der britischen Militärregierung herausgegebenen Zeitung in Hannover. Ich war aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Bad Tölz entlassen worden, und die Amerikaner hatten mir die Gelegenheit gegeben, eine Ausstellung Münchner Kunst nach Norddeutschland in die britische Zone zu bringen. Gerd Schulte war das am Ende mein alter Kriegskamerad? Er war es.

Noch am selben Abend besuchte ich ihn in der Neuen Kurier-Redaktion im Pressehaus an der Georg-Straße, und während wir unser Wiedersehen mit einem Glas Rübenschnaps feierten, kam ein englischer Staff Sergeant namens Henry Louis Ormond herein. Gegen Ende unseres Small Talks sagte Gerd Schulte auf einmal: "Mr. Ormond, Sie suchen doch einen Lizenzträger für die neue Tageszeitung, wie wär's mit meinem Freund Henri Nannen?" Drei Wochen später, am 7. August 1946, war ich Lizenzträger der ersten deutschen Tageszeitung in Hannover, der Hannoverschen Neuesten Nachrichten. Es war ein den drei so genannten bürgerliche Parteien CDU, FDP und NLP (Niedersächsische Landespartei) nahe stehendes Blatt. Aus dem Neuen Kurier, in dessen Feuilleton Schulte arbeitete, war inzwischen eine sozialdemokratische Zeitung mit dem Titel Hannoversche Presse geworden, über die der erste Mann der SPD in Hannover, Kurt Schumacher, seine Hand hielt.
stern 1/1948
Meine Mitlizenzträger bei den Hannoverschen Neuesten Nachrichten waren für die FDP Will Rinne, ehemals Chefredakteur einer Zeitung aus Varel, die den schönen Titel Der Gemeinnützige trug, für die CDU kam ein in der Wolle gefärbter Zentrums-Mann aus Hagen namens Josef Maria Hasler und für die NLP Wolfgang Kwieczinsky. Er besorgte das Lokale und Regionale. Ich war parteilos und leitete das Feuilleton. Eine Zeitungslizenz, was war das? Es war die von der Besatzungsmacht gewährte Erlaubnis, einen deutschen Verlag zu gründen und in diesem Verlag eine Tageszeitung herauszugeben. Die erste Nummer der Hannoverschen Neuesten Nachrichten erschien am 3. Juli 1946 - für viele wenigstens etwas geistige Nahrung, wenn sie schon nichts zu beißen hatten.
Im folgenden Hunger-Winter bestand die Wochenration für "Otto Normalverbraucher" aus 1 Kilo Brot, 20 Gramm Margarine, 500 Gramm Nährmitteln, 125 Gramm Salzheringen, 100 Gramm Marmelade, 1/2 Liter entrahmter Milch, 25 Gramm Sauermilchkäse und 400 Gramm Kartoffeln. Das war zum Leben zu wenig und zum Sterben manchmal nicht zu viel. In seinem Buch "Die Spiegel-Story - wie alles anfing" hat der langjährige Wirtschaftsredakteur des Nachrichtenmagazins, Leo Brawand, die wirtschaftliche Misere der ersten Nachkriegsjahre geschildert: Auf dem schwarzen Markt kostete 1946/47 ein Pfund Zucker 400 Reichsmark, ein Drei-Pfund-Brot 120 Mark, ein Pfund Butter 420 Mark und eine englische Zigarette acht Mark. Nach der Statistik des Stadtwirtschaftsamtes Hannover betrug die Wartezeit für die Zuteilung eines Herrenwintermantels 375 Monate, eines Oberhemds 316 Monate, eines Damenmantels 280 Monate. Einen Knabenmantel hätte, wenn man ihn für einen Zehnjährigen beantragte, der "Knabe" erst im Alter von 38 Jahren bekommen.

Es ist schwer, die Stimmung zu schildern, aus der wir damals an die Arbeit gingen. Einen Aufbruch zu neuen Zielen wie 1918 hatte es 1945 nicht gegeben. Wir hatten nicht nur den Krieg mutwillig begonnen, wir wussten diesmal auch ganz genau, dass wir ihn - ohne Rückgriffsmöglichkeit auf eine Dolchstoßlegende wie 1918 nach dem Motto "Im Felde unbesiegt" - verloren hatten und dass wir dafür würden bezahlen müssen. Auf uns lastete Scham über das, was wir, meine Generation, angerichtet und hatten geschehen lassen: sechs Millionen ermordete Juden, ein zerstörtes Europa und als Folge davon ein in vier Besatzungszonen zerrissenes Deutschland.

Nein, auch ich war kein Widerstandskämpfer gewesen, und dass ich kein Nazi geworden war, war nicht mein Verdienst, sondern der Einfluss meines Elternhauses und die logische Begleiterscheinung meiner Freundschaft zu einem jüdischen Mädchen, die mir der oldenburgische Gauleiter Carl Röver 1938 als "aktive Rassenschande" ausgelegt hatte. Das Ergebnis war meine Relegation von der Universität München, an der ich bei Professor Wilhelm Pinder Kunstgeschichte studierte. Der Winter 1946/47 war mörderisch kalt, und der Kölner Kardinal Josef Frings verkündete von der Kanzel, dass angesichts der herrschenden Not der Kohlendiebstahl vom Waggon herunter nicht als Sünde gelten solle. Kohlenklauen nannte man damals "fringsen".

In diesem Winter habe ich in Hannover geheiratet. Der Standesbeamte trug gestrickte Wollhandschuhe. Als wir aufgerufen wurden und in das kaum geheizte Amtszimmer kamen, sah ich, dass an einer Wand von der Decke bis auf halbe Zimmerhöhe ein vereistes Dreieck heruntergelaufen war, von dessen Spitze ein Rinnsal über den Fußboden lief. Der Standesbeamte bemerkte meinen Blick und erklärte uns: "Ja, da oben ist die Leitung vom Lokus kaputtgefroren. Seit einer Woche läuft das hier herunter." Pause. Und dann mit feierlicher Stimme: "Wir schreiten jetzt zur Eheschließung." Unser Hochzeitsessen waren je zwei Bratheringe im Hauptbahnhofsrestaurant. Dazu gab es Molke-Bier.

Die Briten wollten im Nachkriegsdeutschland die Meinungsvielfalt fördern und Printmedien mit unterschiedlicher politischer Ausrichtung lizenzieren. Deshalb sollte die Drei-Parteien Zeitung Hannoverschen Neuesten Nachrichten in eine CDU-Zeitung, eine FDP-Zeitung und ein NLP-Blatt aufgeteilt werden. Ich wählte die liberale Abendpost. Inzwischen hatte ich in Theodor Heuss, dem Vorsitzenden der Liberalen, einen väterlichen Freund gefunden. Wann immer er in Hannover eine Rede hielt, räumte ich mein Zimmer im Pressehaus, und er konnte auf meinem Luftschutzbett, unter dessen gebrochenem Holm ich einen Koffer geschoben hatte, sein Mittagsschläfchen halten.

Zusammen mit Johannes Siemann, einem der FDP nahe stehenden Rechtsanwalt und Notar, wurde ich Lizenzträger des neuen FDP-Blattes Abendpost. So ergab sich die aus heutiger Sicht kuriose Situation, dass ich noch eine Zeit lang Mitverleger sowohl der CDU-Zeitung Hannoverschen Neuesten Nachrichten als auch der FDP-Zeitung Abendpost war. Und weil damals eine Zeitungslizenz so gut war wie die Erlaubnis, Geld zu drucken, verdienten wir in dieser Zeit doppelt. Wir konnten es brauchen, denn insgeheim bereiteten wir eine Illustrierte vor. Ob wir dafür allerdings je eine Lizenz bekommen würden, war höchst zweifelhaft. Die Abendpost war derweil unser ganzer Stolz. In Celle gab es eine Buchhandlung, die von unserer anspruchsvollen, mit Herzblut geschriebenen Abendpost rund 600 Exemplare verkaufte. Den Buchhändler wollte ich kennen lernen, um ihm zu danken. Als ich eines Tages mit meinem alten Opel Super 6 von Hannover nach Hamburg fuhr, machte ich mich auf die Suche nach seiner Buchhandlung. Als ich sie gefunden hatte, wurde mir schlagartig klar, worauf der sensationelle Verkaufserfolg beruhte. Nur wenige Meter entfernt lag auf der anderen Straßenseite ein Fischgeschäft. Da brauchte man Papier, um die Zuteilung an Salzheringen einzuwickeln. Kein Wunder, dass die Abendpost sowohl in Hannover und Oldenburg als auch in den bäurischen Gebieten Emden bis Jever gelesen beziehungsweise zum Einpacken benutzt wurde. Als 1948 die Währungsreform kam, war's damit vorbei.



Die Vorbereitung einer Illustrierten oder besser eines Magazins war derweil in unserer Redaktion weitergegangen. An Titeln hatten wir keinen Mangel: "Jedermann", "Unsereiner", "Der I-Punkt", ja sogar "Der weiße Rabe" standen zur Debatte. Eines Tages, an einem Samstag im Mai 1948, rief mich der Pressecontroller der Militärregierung, Mr. Deneke, an. Er fragte, ob ich eine Lizenz für die in Bad Pyrmont erscheinende Jugendzeitung Zick-Zack haben wolle. Ich hatte zu einer Jugendzeitung keine Lust. Da verliert man zwangsläufig dauernd Leser. Wer will denn, nachdem er Abitur gemacht hat, noch eine Jugendzeitschrift lesen? Aber dann kam mir plötzlich die Idee: Aus diesem albernen Zick-Zack müsste sich früher oder später mit etwas List und Tücke ein illustriertes Magazin für Erwachsene machen lassen. Das war meine stern-Stunde. Ich nahm die Lizenz.

Mittlerweile hatten wir Abendpostler für unser Illustrierten-Projekt den richtigen Titel gefunden. Es gab ja schon in der amerikanischen Zone die Quick, in der französischen die Schwäbische Illustrierte (aus der später die BUNTE wurde) und Die Neue Illustrierte in Köln. Und eines Tages gab es den Mr. Deneke nicht mehr, er war in einen längeren Urlaub nach England gefahren, und an seine Stelle trat Wing-Commander Baker, ein Lehrer aus Bedford, der von der in Berlin betriebenen Pressepolitik der britischen Besatzungsmacht recht wenig Ahnung hatte. Das war eine Gelegenheit, die es zu ergreifen galt. Ich meldete mich bei Baker, machte ihm klar, dass das vierzehntägliche Erscheinen von Zick-Zack eine dumme Sache sei, weil der Leser nie wisse, ob nun an diesem Donnerstag oder erst am nächsten die neue Nummer erscheine, außerdem sei das Format der Zeitschrift zu klein, stattdessen sollte man den Umfang lieber von 32 auf 16 Seiten eindampfen und zu wöchentlichem Erscheinen übergehen. Und schließlich fragte ich ihn, ob er wisse, dass Zick-Zack eigentlich ein Nazi-Titel sei, mit einem Anklang an "zackig" und an den Hitler-Jugend-Kampfruf "Zicke-zacke-zicke-zacke-hei-hei-hei". Das passe ja wohl schlecht zum Konzept der demokratischen Umerziehung. Dies leuchtete dem Briten ein. Aber wie sollte man das Blatt denn bloß nennen? Ich fasste mir ans Kinn und begann laut nachzudenken: "Die abgerissenen Landser auf dem Bahnhofsplatz oder vor dem Pressehaus, das waren doch noch Kinder, als man sie zum Militär oder schließlich zu den Werwölfen einzog, und heute sind sie zwischen 16 und 25. Das sind doch die Leser, die wir umerziehen wollen ('Reeducation' war damals das offizielle Schlagwort für die Beziehung zwischen Engländern und Deutschen). Denen kann man doch keine Kinderzeitung vorsetzen, denen sollte man eher so etwas wie den Stern einer neuen Hoffnung zeigen - warten Sie, Commander, stern, wäre das nicht ein guter Titel? Was heißt schließlich Quick? Ein Schnellrestaurant? Ein Schlüsseldienst? Ist Revue ein Blatt fürs Schautheater? stern das ist's. Einsilbig, deklinierbar und positiv besetzt. Sterne leuchten. 'Geben Sie mir den stern', das kann man am Kiosk knapp und präzise sagen. Lassen Sie uns das Blatt stern nennen!" Baker fand den "spontanen" Einfall großartig. Seine Sekretärin Barbara ließ sich von mir all die Veränderungen an der Jugendzeitschrift Zick-Zack diktieren, und schon am nächsten Tag zogen wir unsere Probenummer aus der Schublade, die natürlich längst den Titel stern hatte, 16 Seiten zählte und auf dem Titelblatt die junge Hildegard Knef im Heu zeigte. Am 1. August 1948 erschien das erste Heft.

Leser nannten den stern bald das "Reichsgericht des kleinen Mannes". Nicht nur, weil der stern für alle Nöte der Zeit ein offenes Ohr hatte - wir sammelten damals Winterkleidung , vermittelten Anwälte und hatten eine medizinische Beraterkommission von 17 Chef- und Oberärzten aus allen Fachrichtungen, sodass der stern nie auf dubiose Krebsärzte, Erdstrahlensucher, Silberkugelheiler und andere Scharlatane angewiesen war.

Wir waren der Meinung, man müsse dem Menschen, dem Individuum, gegen die Macht des Apparates beistehen, sei dieser Apparat nun der Staat, eine einzelne Behörde, ein Unternehmen, die Gewerkschaft oder was immer. Der Nazi-Slogan "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" war schließlich nur eine verlogene Illusion gewesen. Der Staat hatte weder das Recht, noch machte es irgendeinen Sinn, wenn er den Eigennutz unterdrückte. Nur musste man das Streben des Menschen nach eigenem Nutzen so kanalisieren, dass es nicht die Lebensrechte anderer beeinträchtigt. "Du bist nichts, dein Volk ist alles", hatten die Nazis verkündet. Du bist nichts - wie hätte aus millionenfachem Nichts wohl ein glückliches Volk entstehen können?

Mit dem stern wollten wir das Recht und die Eigenverantwortung des Menschen stärken. Gleichmacherei war nicht unsere Devise, aber gleiche Chancen für alle. Keine Leichtlohngruppen für Frauen, Hilfe für die, die wegen Krankheit oder auch Unfähigkeit nicht mithalten konnten. Gegen den Übermut der Ämter und Behörden. Bei einem Gespräch im Oktober 1950 hatte mir der damalige Bundesfinanzminister Fritz Schäffer ein paar Zahlen über die Requirierung des deutschen Eigentums genannt. Dass die Russen ihre Zone ausplünderten, war nichts Neues. Aber dass die Amerikaner mit Jeeps und Scheinwerfern und Maschinengewehren in unseren Wäldern auf Jagd gingen, dass die Franzosen unsere Zechen ausbeuteten, dazu gab es Zahlen, und wir waren entschlossen, sie im stern zu veröffentlichen.



Aber wie sollte man das Thema illustrieren? Woher Fotos nehmen, die nicht sterbenslangweilig waren? Ein Beispiel: Wir hatten erfahren, dass der französische Militärgouverneur General Koenig das Schloss Waldhausen bei Mainz für sich beschlagnahmt hatte. Er saß an einem Schreibtisch aus Rosenholz (Kostenpunkt damals: 85.000 Mark) und hatte sich ein Bett aus koreanischem Ziegenleder machen lassen. Wie aber kamen wir ins Schloss? Während der Abwesenheit des Generals, so hatten wir recherchiert, besorgte ein deutscher Hausmeister zusammen mit zwei Frauen die Pflege. Im Jagdhaus nebenan waren als Bewachung ein Leutnant mit einem Sergeanten und 14 Mann untergebracht. Eines Tages erschienen bei dem deutschen Hausmeister zwei Herren - der General war nicht da, und der wachhabende Leutnant war nach Mainz gefahren. Die beiden Deutschen, einer trug eine Leica in der Jackentasche, erklärten dem Hausmeister, dass die Generalresidenz demnächst aufgegeben werden solle und dass man vorhabe, das Schloss zu mieten, um dort Filme zu drehen. Dazu sei es aber erforderlich, die Räume zu besichtigen und sie auf ihre Eignung als Filmkulisse zu prüfen. Der Hausmeister ließ die Besucher ein. So bekamen wir Bilder vom Rosenholzschreibtisch, vom koreanischen Ziegenlederbett und von einer motorisierten Gitterwand, mit der General Koenig sein Arbeitszimmer nachts sicherte. Die Umbauten des Schlosses hatten 3,8 Millionen Mark gekostet. Die Zahl hatten wir - heute darf ich den Informanten preisgeben - vom Staatssekretär des Bundesfinanzministeriums bekommen.

Und dann erschienen im stern Nr. 53 des Jahres 1950 ein paar Seiten unter der Überschrift "Hoppla, wir leben! (auf Besatzungskosten)", und die Leser staunten, in welchem Luxus die Alliierten auf Kosten der Not leidenden Deutschen lebten. Allein für Glühbirnen hatten die Besatzungsmächte 4,2 Millionen Mark ausgegeben. Das Schießen auf Glühbirnen war ein beliebter Heimsport der amerikanischen GIs. Wozu aber 30.634 Büstenhalter, 20.000 Korsetts, 150.000 Meter Schlafanzugstoff, 14.000 Gummihöschen, 64.000 Windeln und für 284.000 Mark Silberbestecke auf Besatzungskosten angeschafft wurden, das haben damals auch die stern-Reporter nicht erfahren können. Dafür aber bestätigte Bundesfinanzminister Schäffer vor dem Bundestag die von uns veröffentlichten Zahlen in allen Punkten. Der stern war in aller Munde. Die Auflage stieg. Da hatte es einer den Mächtigen einmal gegeben.

Die Alliierten reagierten auf die Veröffentlichung mit einem zweiwöchigen Verbot des stern. Wir verdankten es Lance Pope, dem britischen Berater und Freund des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Hinrich Kopf, dass das Verbot schließlich auf eine Woche verkürzt wurde. Dass unsere Anzeigenkunden damals auch die nicht erschienenen Anzeigen bezahlten, rettete uns vor dem sonst sicheren Konkurs.

Eine Pleite wäre auch dann unausweichlich gewesen, wenn es uns nicht immer wieder gelungen wäre, legal und illegal Papier herbeizuschaffen, auf dem der stern gedruckt werden konnte. Ich habe Holz schwarz gekauft und ein anderes Mal Uhren in die Schweiz - jawohl, nicht aus der Schweiz, sondern in die Schweiz - geschmuggelt, um sie dort gegen Papier zu tauschen. Meine Frau hat bei einem großen Fahrzeughersteller geweint, bis der für bare 60.000 Mark einen 4-Tonner mit Anhänger herausrückte, weil er eine Frau nicht weinen sehen konnte, und ich habe den 4-Tonner zusammen mit meiner Frau und einem ungültigen Wehrmachtsführerschein zur Papierfabrik nach Albbruck in Baden gefahren. Mit dem Vater einer Kollegin, der Obersteiger war, bin ich in den Schacht eingefahren, und wir haben so lange "Schlichte" getrunken und "Glück auf!" gerufen, bis er ein paar Waggons Kohlen locker machte, für die mir die "Feldmühle" Papier gab, um den stern zu drucken. Auf diese Weise haben wir überlebt, bis die Papierbewirtschaftung aufgehoben wurde.

Mitte der 70er Jahre war der stern zum größten Magazin der Welt geworden, wenn man Programmzeitschriften wie Hörzu und Mitgliederzeitschriften wie ADAC Motorwelt einmal außen vor lässt. Was war das Geheimnis des Erfolges? Dazu eine kleine Geschichte: Journalisten verschiedener Nationen sollten einmal für einen Wettbewerb einen Artikel über den Elefanten schreiben. Ein Engländer schrieb: "The elephant and the football." Der Franzose: "L'éléphant et l'amour." Der Österreicher: "Erinnerungen eines uralten Elefanten an das Wiener Burgtheater." Der Amerikaner: "How to breed bigger and better elephants in less time for less money." Und dann kam der Aufsatz des Deutschen: "Wesen und Grundlagen der Psychologie des Elefanten. Band 1, Volumen A: Der burmesische Arbeitselefant in seiner Beziehung zum Menschen."

In diesem Sinne ist der stern sicher nie gut deutsch gewesen. Er doziert nicht, sondern erzählt Geschichten und verpackt die Informationen - und das ist uns selbst bei dem politisch hochbrisanten Thema Ostpolitik gelungen - in Form der Reportage. Das ist das ganze Geheimnis."

Jubiläumsausgabe 40 Jahre stern (22. August 1988)