Beste Reportage (Egon Erwin Kisch-Preis)
Herr Mo holt die Fabrik
Erschienen in DIE ZEIT vom 23. September 2004
Die modernste Kokerei der Welt zieht von Dortmund nach China, dorthin, wo die Löhne niedrig sind. 16 Monate lang haben chinesische Arbeiter 35 000 Tonnen Stahl zersägt und in Kisten und Container verladen. Beaufsichtigt wurden sie von Herrn Seibel, dem deutschen "Stillstandsverwalter". Wer die Globalisierung verstehen will, muss die Büros von Herrn Mo und Herrn Seibel besuchen
Der Tag, an dem die Globalisierung über den deutschen Angestellten Gerd Seibel hereinbricht, beginnt mit einem Donnern draußen auf dem Flur. Aktenordner prasseln auf Linoleumböden, vor seinem Büro sieht Gerd Seibel plötzlich Chinesen über den Korridor laufen. Die Chinesen schleppen Kartons weg und leeren sie in einer Abstellkammer aus. Gerd Seibel lehnt am Türrahmen, stemmt einen Arm in die Hüfte und sagt: "Ich glaube, jetzt geht es los." Er wollte ja dabei sein, wenn die Globalisierung Dortmund-Mitte erreicht. Er wollte ja darauf achten, dass die Globalisierung ordentlich verläuft. Deutsche Umweltgesetze, deutsche Unfallverhütungsvorschriften, alles kippen die Chinesen auf einen Haufen. Sie räumen das Büro leer, in dem früher der Umweltingenieur der Fabrik arbeitete. Chinesen machen sich nicht viel aus der Umwelt, hat Seibel sich sagen lassen, Chinesen ziehen ihren Plan schnell und preiswert durch. Gerd Seibel hat sich auf die Chinesen gefreut, er ist gespannt.
"Wollen Sie den Stillstandsbereich übernehmen?", fragte ihn vor etwa drei Jahren ein Vorgesetzter, und Seibel hätte problemlos nein sagen können. Er antwortete mit Ja, und später hat er gerätselt, was wohl dieses eigenartige Papierschild auf seinem Schreibtisch bedeuten könne. Die chinesischen Schriftzeichen sagen ihm nichts. Vielleicht steht da wirklich "Leiter des Stillstandsbereiches", vielleicht.
Der Tag, an dem die Globalisierung über den deutschen Angestellten Gerd Seibel hereinbricht, beginnt mit einem Donnern draußen auf dem Flur. Aktenordner prasseln auf Linoleumböden, vor seinem Büro sieht Gerd Seibel plötzlich Chinesen über den Korridor laufen. Die Chinesen schleppen Kartons weg und leeren sie in einer Abstellkammer aus. Gerd Seibel lehnt am Türrahmen, stemmt einen Arm in die Hüfte und sagt: "Ich glaube, jetzt geht es los." Er wollte ja dabei sein, wenn die Globalisierung Dortmund-Mitte erreicht. Er wollte ja darauf achten, dass die Globalisierung ordentlich verläuft. Deutsche Umweltgesetze, deutsche Unfallverhütungsvorschriften, alles kippen die Chinesen auf einen Haufen. Sie räumen das Büro leer, in dem früher der Umweltingenieur der Fabrik arbeitete. Chinesen machen sich nicht viel aus der Umwelt, hat Seibel sich sagen lassen, Chinesen ziehen ihren Plan schnell und preiswert durch. Gerd Seibel hat sich auf die Chinesen gefreut, er ist gespannt.
"Wollen Sie den Stillstandsbereich übernehmen?", fragte ihn vor etwa drei Jahren ein Vorgesetzter, und Seibel hätte problemlos nein sagen können. Er antwortete mit Ja, und später hat er gerätselt, was wohl dieses eigenartige Papierschild auf seinem Schreibtisch bedeuten könne. Die chinesischen Schriftzeichen sagen ihm nichts. Vielleicht steht da wirklich "Leiter des Stillstandsbereiches", vielleicht.