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Beste Reportage (Egon Erwin Kisch-Preis)




Bartholomäus Grill

Geboren 1954 in Oberaudorf am Inn. Studium der Philosophie, Soziologie und Kunstgeschichte in Eichstätt und Regensburg. 1987 bis 1992 Politikredakteur bei DIE ZEIT, seit 1993 Afrika-Korrespondent bei DIE ZEIT. Autor von Sach- und Kinderbüchern über Afrika, Mitglied im Afrika-Beraterkreis des Bundespräsidenten. Verheiratet, ein Sohn.




Ich will nur fröhliche Musik

Erschienen in DIE ZEIT vom 8. Dezember 2005

Urban ist 46, ihn erwartet ein qualvoller Tod. Er wählt die Sterbehilfe und lässt sich nach Zürich fahren. In den letzten Stunden gibt er den Geschwistern Kraft und bittet sie, seine Geschichte aufzuschreiben.

Es ist der Moment, den die Mutter am meisten gefürchtet hat. Der Moment, der die Kraft einer jeden Mutter übersteigt. Gleich wird ihr Sohn aufstehen von dem Platz unter dem Kruzifix am Küchentisch, an dem er immer sitzt. Er wird zu ihr sagen: Du warst die beste Mutter der Welt, ich danke dir für alles. Aber jetzt muss ich gehen.

Dann tritt er zum letzten Mal aus der Küche mit dem böhmischen Gewölbe hinaus. Die Mutter begleitet ihn diesmal nicht. Zum ersten Mal bleibt sie sitzen auf dem Platz in der Küche, an dem sie immer sitzt, und hört seine Schritte im Hausflur verhallen.

Urban steht noch einen Augenblick in der Hofeinfahrt, ein warmer, bernsteingelb leuchtender Spätherbsttag. Er trägt seinen schwarzen Ledermantel, hat seine Sonnenbrille auf. Er schaut sich noch einmal um. Das Bauernhaus. Der Obstanger. Der Hühnerstall. Der Getreidespeicher mit dem leeren Storchennest auf dem Dachfirst. Dann steigt er ins Auto. Seine letzte Reise beginnt, die Reise in den Tod, von Oberbayern in die Schweiz, nach Zürich, zu den Sterbehelfern von Dignitas. Es ist 8.35 Uhr morgens, am 25. November 2004, als das Auto in die Bundesstraße 15 einbiegt. Urban weiß, dass er in ungefähr dreißig Stunden tot sein wird.

Der Tag, an dem er die Reise ohne Wiederkehr beschlossen hat, war der 30. Oktober. Er war mit seiner Schwester in Augsburg gewesen, bei einem Heilpraktiker, der mit biologischen Zytostatika arbeitet, mit » einzigartigen Mitteln «, wie er betonte. Aber nach einer dreistündigen Diskussion kapituliert er: Warum sind Sie mit ihrem Krebsleiden nicht viel eher gekommen? Jetzt ist die Heilung leider sehr unwahrscheinlich. Weil die Hoffnung, die der Mann noch machen konnte, so winzig war, hat Urban diese letzte Option verworfen. Auf der Heimfahrt packte ihn die Wut, er wäre beinahe aus dem fahrenden Auto gesprungen. Seine Schwester schrie ihn an. Sie kehrten ins Elternhaus zurück, und noch am selben Abend entschied er: Ich will nicht mehr.

Irgendwann im März hatte Urban zum ersten Mal von Sterbehilfe gesprochen, in Amerika wurden gerade die Apparate abgeschaltet, die Terri Schiavo fünfzehn Jahre lang im Wachkoma am Leben - oder am Sterben - gehalten hatten. Er sah die Demonstranten mit Schildern, auf denen » Mörder! « prangte. Das ist doch pervers, kommentierte Urban, jedes todkranke Tier wird eingeschläfert, bei Menschen ist es ein Verbrechen. Dass er selber schon bald in die Lage kommen würde, schnell sterben zu wollen, war ein fernes, unwirkliches Szenario. Urban war optimistisch. Natürlich würde er den verdammten Krebs besiegen.