Beste Reportage (Egon Erwin Kisch-Preis)
Ein tödlicher Text
Erschienen in DER SPIEGEL am 19. Mai 2008Ein junger Afghane wird zum Tode verurteilt. Er hat eine Internet-Seite ausgedruckt, auf der Mohammed als frauenfeindlicher Prophet beschrieben wird. Der Fall wird klären, ob sich ein islamisches Land dem Westen öffnen kann.
Er kann vier, fünf Schritte vor gehen und zurück und drei zur Seite. Außerdem metallenen Doppelstockbett, dem Tisch, dem Stuhl und einem hölzernen Regal befinden sich in seiner Zelle noch ein Klo zum Hocken und eine Dusche, vonder sich schwer sagen lässt, ob sie funktioniert. Es ist eine gute Zelle für afghanische Verhältnisse. Die Zelle für einen besonderen Gefangenen. Es gibt nur nichts, was er hier tun kann. Wenn die Tür ins Schloss fällt, bleiben dieUngewissheit und die Gedanken in seinem Kopf, die sich zumeist um Tod und Rettung und Recht und Unrecht drehen und auf denen er herumkaut wie auf zähem Fleisch. Zweimal besuchte ihn sein Bruder Yaqub, einmal kam sein Vater, und dann hat Kambaksh wieder gewartet, ob sich irgend etwas tut beim Supreme Court in Kabul, bei den Leuten, die über seine Berufung entscheidenund von denen er hofft, dass sie begreifen, dass man ihn nicht einfach aufhängen oder ihm ein paar Kugeln in den Kopf jagen kann für dieses verdammte Blatt Papier. (...)
Auszug aus dem Artikel "Ein tödlicher Text" von Jochen-Martin Gutsch, veröffentlicht in DER SPIEGEL 21/2008 (19. Mai 2008).
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